schauspiel

Gesprochen:

Elisabeth:

O Sklaverei des Volksdiensts! Schmähliche Knechtschaft - wie bin ich's müde, diesem Götzen

zu schmeicheln, den mein Innerstes verachtet!

Wann soll ich frei auf diesem Thron stehn!

Die Meinung muss ich ehren, um das Lob der Menge buhlen,

einem Pöbel muss ich's Recht machen, dem der Gaukler nur gefällt.

 

Oh, der ist noch nicht König, der der Welt gefallen muss. 

Nur der ist's, der bei seinem Tun nach keines Menschen Beifall braucht zu fragen.

Warum hab ich Gerechtigkeit geübt, 

Willkür gehasst mein Leben lang,

dass ich für diese erste unvemeidliche Gewaltat selbst die Hände mir gefesselt!

Das Muster, das ich selber gab, verdammt mich!

[...]

So steh ich kämpfend gegen eine Welt, ein wehrlos Weib!

Mit hohen Tugenden muss ich die Blöße meines Rechts bedecken, 

den Flecken meiner fürstlichen Geburt, wodurch der eigne Vater mich geschändet.

Umsonst bedeck ich ihn - Der Gegner Hass hat ihn entblößt 

und stellt mir diese Stuart entgegen, ein ewig drohendes Gespenst.

Nein, diese Furcht soll endigen!

Ihr Haupt soll fallen. Ich will Frieden haben!

 

Sie ist die Furie meines Lebens!

Mir ein Plagegeist vom Schicksal angeheftet.

Wo ich mir eine Freude, eine Hoffnung gepflanzt, da liegt die Höllenschlange mir im Wege.

Sie entreisst mir den Geliebten, den Bräut'gam raubt sie mir!

Maria Stuart, heißt jedes Unglück, das mich niederschlägt!

Ist sie aus den Lebendigen vertilgt,

frei bin ich, wie die Luft auf den Gebirgen.

 

Friedrich Schiller, 1800, Maria Stuart -Roller der Königin Elisabeth


Ein Auszug aus Schillers Trauerspiel "Maria Stuart". Eine geballte Ladung an gefühlsprallen Worten, die viel Leidenschaft und inneren Kampf transportieren. Maria Stuart, Königin von Schottland sucht Schutz in England, unter dem Zepter von Elisabeth I. Maria Stuart wird in dem Stück als charismatische Frau beschrieben, doch Elisabeth fühlt sich bedroht. Die Königin von England ringt mit dem verinnerlichten Wert der Gerechtigkeit und einer Abneigung gegenüber willkürlicher Gewalt. Gleichzeitig pulsiert in ihr ein starker Drang, in Freiheit und mit Autorität, herrschen zu können. Ein monologisierter Kampf, um die Entscheidung, ein fremdes Leben zu erhalten oder auszulöschen.

Meiner Auffassung nach, gelingt es Schiller vortrefflich, diesen inneren Kampf der Elisabeth, in Worte zu fassen. Ein Kampf, der mir im Kleinformat durchaus vertraut ist. Stecke ich meine Grenzen weit, riskiere ich etwas. Setze ich sie eng, fühle ich mich sicherer. Nicht selten erwische ich mich beim debattieren mit mir selbst, vielleicht nicht ganz so energisch wie Elisabeth an dieser Stelle, aber gefühlt mindestens genauso dramatisch =).