Bundesjugendspiele - lieber singen als springen


Erinnerst du dich noch an deine Bundesjugendspiele?

 

Ich erinnere mich noch messerscharf an zwei Ereignisse.

Weitwurf. 1. Klasse. Da stehe ich, mit schwarzer Radler (heute Leggins genannt) und weisem T-Shirt, wo ich gut und gerne dreimal reingepasst hätte. Blonder Pferdeschwanz und ein Pony. Fühle mich nicht besonders sportlich oder gut vorbereitet. Aber, ich glaube an mich! Ich bin die Erstgeborene. Ich muss das. Ich kann das.


Der runde, feste Ball in meiner angespannten, kleinen Kinderhand. Papa hat gern Basketball mit mir gespielt. Im Hof. Zuspiel, prellen. Mein Arm holt schwungvoll aus und mit ganzer Kraft schleudere ich den Ball in die endlose Weite des Westerwalds. Boing! Der Ball dotzt ganze 20 cm vor meinen Turnschuhen auf. O nein! Ungläubig starre ich nach unten und will gar nicht mehr hochsehen. Erdboden tu dich auf.


Das war Erlebnis Nummer eins. Das zweite BUJU-Memoriam, dass sich in meinem Hirnsieb verhakt hat, ist die finale Siegerehrung. Vermutlich waren es nicht die gleichen Spiele. Vermutlich eher 2. Klasse. Die Kinder der Klassen 1-4 sammeln sich im roten Staub am Rande des Sportplatzes. Rundherum Westerwälder Wiesen. Sonne. Geschwitzte, erwartungsvolle Kindergesichter.
Als erstes werden die begehrten Ehrenurkunden verteilt und danach die Siegerurkunden, für den großen Rest. Siegerurkunden als Anerkennung für allgemein erbrachten Einsatz ohne Wertung der Leistung. Finde ich gut. Wichtig. Aber noch lieber mag ich die Extrawurst. Erstgeborene und so weiter...


"Johanna Jung" kräht die Megaphonstimme. Das bin ich, stolpert mein Herz. Spüre noch das freudig überraschte Kribbeln, begleitet vom ruckartigen Schreck, jetzt nach vorne gehen zu müssen. Eine Ehrenurkunde. Für mich! Ich erinnere mich noch an das Gefühl mit meinen Fingern über die Medaillen-Prägung im Papier zu fahren.
Überraschend geehrt zu werden ist doch genial. Viel erhebender und ermutigender, als wenn man wartet, dass endlich mal jemand merkt, wie toll man ist.
Sonst hab ich nur noch einzelne BUJU-Fragmente im Kopf. Schwitzige Hände an der Staffel, Angst hinzufallen, die Gesichter meiner Klassenkameraden, ...

 

Fast dreißig Jahre später stehe ich wieder auf dem Sportplatz. An der Weitsprunggrube. Mich erwarten 240 Kniebeugen, um den Absprungpunkt zu messen. Der Platz wirkt noch leer. Nur ein paar kaffeeschlürfende Mamas, eifrige Sportlehrereinnen. Habe meine schwarze Jogginghose mit mindestens 200% Elasthan, Polyester etc. an. Keine Sportleggins, die sich an die Cellulitegrübchen anpasst. Meinen geliebten Kapuzenpulli und die Turnschuh. Pferdeschwanz. Muss. Kein Pony mehr. Fühle mich sportlich. Das liegt allerdings eher am leeren Magen, als am Muskelhaushalt. Ich kriege vielleicht einiges auf die Reihe, aber regelmäßig Sport machen nicht.

 

Mh... da steh ich am frisch gerechten mega Sandkasten. Warum nicht? Probier ich jetzt mal aus... wie ging das nochmal? Beine und Arme nach vorn. Ich nehme Anlauf. Weißt du, wie es sich anfühlt, die volle Kraft und Länge deiner Beine auszukosten? Zumindest für 10 Meter fühlt sich das extrem gut an. Sprung. Nochmaaaal. Anlauf. Sprung. Nochmaaal. Hechel. Renn. Sprung. Autsch! Der Aufprall zischt mir von den Fersen bis in den Rücken.
Augenblicklich fühle ich mich extrem unsportlich und mindestenes doppelt so alt. Das lasse ich mir natürlich nicht anmerken. Schande. Zumindest 2,90m.


Viele bunte, lärmende Mini-Sportler stürmen den Platz. Es folgen 240 Bodenmessungen. Mir ist schwindelig. Ich bin ein Weichei. Vielleicht habe ich eine bislang unentdeckte Sportallergie? Würde auch mein Asthma erklären. Meine Mama hat letztens offiziell festgestellt, dass ich mich künstlerisch weiterentwickelt habe, dafür es aber beim Sport nie so recht Klick gemacht habe. Im Gegensatz zu meinem Bruder. Der hat das Schlagzeug (vorerst liebes Brüderchen!) an den Nagel gehängt und ist leidenschaftlicher Handballer geworden. Mh...


So ist es wohl. Ich singe. Ich schreibe. Adrenalin bekomme ich auf der Bühne und ganz bestimmt nicht beim Sport. Das After-Sport-Feeling, kann man sich ja auch durch saunieren erschleichen. Ich stöhne beim Gedanken, an die Weitsprunggrube. Kann mich kaum bewegen. ISG-Blockade umrahmt von Muskelkater.


Habe meine Kinder heute morgen gefragt, ob sie wissen was Muskelkater ist. "Mh... eigentlich nicht," antworten sie achselzuckend. Kinder sind unglaublich. Ich staune. Diese unerschöpfliche Energie. Selbst nach den BUJU flitzen sie noch im Garten rum. Ich staune. Und etwas verärgert frage ich mich, wie eine der Erstklässlerinnen, es beim Weitsprung auf ganze 2,80m schaffen konnte. Vielleicht ein Messfehler? Ach hör auf zu heulen, Hanna. Geh lieber singen als springen. Oder schreib nen Text. Das kannst du besser.

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Kommentare: 1
  • #1

    Mel (Dienstag, 04 Juni 2019 19:46)

    Hallo Hanna,
    Ohja, ich habe sehr viele, sehr unschöne Erinnerungen an die Bundesjugendspiele! Ich habe ein einziges Mal geschafft eine Siegerurkunde zu ergattern und das in 13 Jahren Schule! Ich war immer die, die gar keine Urkunde bekam, super Gefühl...naja so ist das eben, das Leben ist kein Pinyhof! Umso erfreuter war ich, dass meine Kinder es sogar geschafft haben mehrere Sportabzeichen zu bekommen! Naja und meine Talente liegen eben auch nicht wirklich im sportlichen Bereich, ich bin zwar eine Wasserratte aber sonst kann ich mich auch selten dazu aufraffen...

    Danke für den schönen Text!

    Liebe Grüße von oben ! �